Nach den neuesten Presseberichten
plant die Britische Regierung, im März 2000 ein Gesetz zu verabschieden,
das zwar den Eltern verbieten soll, ihre Kinder mit Instrumenten und auf den
Kopf zu schlagen, aber es ihnen ansonsten erlaubt, aus erzieherischen
Gründen die Kinder zu prügeln, zu ohrfeigen und ihnen Klapse zu
verabreichen - unabhängig vom Alter. Diese alarmierende Information bewog
mich dazu, diesen Brief zu verfassen, weil die Praxis des Kinderschlagens
schwerwiegende politische Konsequenzen hat, die bisher wenige Menschen
erkannt haben.
Heute, am Beginn des neuen Milleniums, wird kaum jemand behaupten, man
solle Kinder mißhandeln und demütigen, aber die große Mehrheit der
Menschheit ist noch davon überzeugt, daß Schläge, Klapse und Ohrfeigen
geeignete, wirksame und harmlose Mittel der Erziehung seien. Die weltweit
verbreitete Meinung, daß man Kindern mit Hilfe der Gewalt "den
Unterschied zwischen gut und böse" beibringen kann, ist so alt wie
unsere Zivilisation, aber dennoch falsch und irreführend, wie es neue
Forschungen beweisen. Das Schlagen der Kinder enthält immer eine
Demütigung und ist eine Form der Sklaverei. Es ist auch erzieherisch
unwirksam, weil es Angst erzeugt; und kein Mensch kann im Zustand der Angst
positives Verhalten lernen.
Dennoch - Kinder lernen aus Beispielen. Wenn wir also Kinder schlagen,
bringen wir ihnen genau das bei, was wir nicht wollen: Gewalt, Ignoranz und
Scheinheiligkeit. Sie lernen schnell, das zu tun, was wir einst getan haben:
sich der stärkeren Person zu unterwerfen, aus Angst zu gehorchen und den
Schmerz der Erniedrigung zu verdrängen. Dann, etwa zwanzig Jahre später,
verstecken sie ihre eigene Schwäche hinter Gewalt, sie sind unfähig,
friedlich zu handeln und halten die Behauptung aufrecht, daß das Schlagen
von Kindern richtig sei. Sie widerstehen allen logischen Argumenten,
bezeichnen sie als Verweichlichung, und sie schlagen weiterhin ihre eigenen
Kinder (oder schädigen sich selbst), ohne den leisesten Zweifel an der
Richtigkeit ihres Tuns. Ihr Bemühen, das Leiden in ihrer eigenen Kindheit
nicht zu fühlen, hindert sie daran, zu erkennen, daß das Schlagen von
Kindern jeden Alters eine Demütigung ist - wenn ihnen nicht ein Gesetz, das
ausdrücklich das Schlagen der eigenen Kinder verbietet, die Augen öffnet.
Wenn man Erwachsene fragt, warum sie in der Kindheit geschlagen wurden,
sagen sie meistens: "Ich war ein schwieriges Kind, habe meine Eltern
zur Verzweiflung gebracht, sie waren wirklich überlastet durch meine
Art." Diese Menschen erinnern sich kaum an die konkreten Anlässe der
Bestrafung, sie konnten kaum irgendwelche konstruktiven Lehren daraus ziehen,
weil sie im verängstigten Zustand keine Erinnerung daran behalten haben. Es
blieb nur die Angst vor den Eltern, nicht aber vor Gefahren, vor denen die
Eltern sie mit Strafen warnen wollten. Aber jetzt, entgegen jeder Logik,
erwarten sie von ihren drei Jahre alten Kindern, daß die mit Schlägen
verabreichten Lehren von ihnen beherzigt werden. Leider verfallen auch viele
Politiker diesem Irrtum. Theoretisch lehnen sie die Sklaverei ab, aber
realisieren immer noch nicht, daß Kinder durch ein entsprechendes Gesetz
geschützt werden müssen. Wir können nicht unsere Eltern und Großeltern
beschuldigen, uns irreführende Botschaften übermittelt zu haben, weil sie,
zu ihrer Zeit, keine besseren Informationen zur Verfügung hatten. Aber wir
haben sie heute. Wir können nicht Unschuld für uns beanspruchen, wenn uns
die nächste Generation dafür anklagt, daß wir verfügbare Informationen
ignoriert haben. Eltern von heute können nicht länger vom Gesetzgeber die
unbegrenzte Freiheit zur Ignoranz verlangen, noch kann eine verantwortliche
Regierung angesichts der neuen wissenschaftlichen Entdeckungen untätig
bleiben. Schäden in der Gehirnstruktur der geschlagenen Kinder können
schon auf dem Computerbildschirm gesehen werden.
Gewalt an Kindern schafft eine gewalttätige und kranke Gesellschaft. Die
wahre Autorität lehnt Demütigung ab. Ihre Erziehungsprinzipien beruhen auf
Zuhören und miteinander Sprechen, auf dem Wissen, daß Vertrauen verdient
werden muß und daß wir dem Schwächeren Achtung und Schutz schulden.
Kinder brauchen eine solche Begleitung, um zu verantwortlichen Menschen
heranzuwachsen. Sie werden ihre Gefühle in Worte fassen können und nicht,
wie es manche geschlagenen Kinder tun, ihre verdrängte Wut und Ohnmacht in
Racheakten wie Kriege und Diktaturen ausleben. Sie werden einfach anderen
das geben können, was sie selber einst erhalten und was sie an Beispielen
gelernt haben: Schutz und Respekt.
Alice Miller, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, Februar 2000